Mittwoch, 13. Juli 2005

Philosophie

Philosophie, Partnersuche und der Zwang zum Glücklich-Machen

Heutzutage wird das persönliche Glück als unmoralisch, sogar als obszön empfunden. Dieter Thomä "Vom Glück in der Moderne"
Ein jeder handle so, daß die Essenz seines Handelns jederzeit als moralischer Maßstab für eine ganze Gemeinschaft gelten kann. Kant (Vereinfachte Formulierung)
Ich suche nicht mehr, ich habe mein Glück (bei/in xyz) gefunden. Oft gelesener Profiltext in Chats/Foren
In einer Studie wurden indische Witwen und Witwer zu Ihrem Wohlgefühl befragt: Obwohl der materielle und gesundheitliche Standard der indischen Witwer wesentlich höher war, waren die indischen Witwen glücklicher. Nach genauem Nachfragen erfuhr man den Grund dafür. Die Witwen hatten - im Gegensatz zu den Witwern - keine hohe Erwartungen an Ihre Zukunft. Quelle unbekannt

Und jetzt fragt sich der Leser, was das alles soll ;-) Ganz einfach, ich habe all diese Formulierungen mal in einen Kontext gesetzt und darüber nachgedacht. Laut Kant ist persönliches Glück nicht wichtig, noch schlimmer, man sollte keine Sehnsucht danach haben. Klasse. Wollten wir alle schon immer sein, reine ätherische Wesen ohne persönliche Bedürfnisse. Lichtgestalten, als hehres Vorbild dienend. Und unsere Sehnsüchte fallen hinten über . Aber der Mensch ist nicht so... Das beste Beispiel für solches Handeln ist meine Schwester, die seit 15 Jahren Vegetarierin ist. Nicht, weil ihr Fleisch nicht schmeckt oder weil Sie es für ungesund hält, sondern weil sie einen Bericht über die unmenschlichen Bedingungen bei Viehtransporten gesehen hat. Wie sie mir in einer schwachen Stunde gestand, sabbert sie immer noch beim Duft von frisch gekochten Wienerle.... Moralisch einwandfrei und absolut vorbildlich, aber sicher nicht befriedigend. Selbst hohe materielle Standards hinterlassen ein schales Gefühl der Leere, wenn Seele und Geist nicht befriedigt werden. Was zu einem hohen materiellen Standard bei Psychologen und Lebenshilfe-Lehrern führt *gg*. Aber was ist Glück? Sicher ist eines, die Definition ist je nach Kulturkreis verschieden. Im Kongo ist jeden Tag ein voller Magen eine der Definitionen. Im westlichen Kulturkreis sieht es derzeit so aus, daß eine erfüllte Partnerschaft diese Definition erfüllt. Aber wenn ich mein Glück in/bei XYZ finde, dann ist es doch nicht meines, provozierend formuliert, denn dann ist mein Glück doch von dieser Person abhängig. Wenn diese Person, die mein Glück "produziert", mich verläßt, dann ist auch mein Glück dahin? Dieser Mensch ist damit in der "mach mich um jeden Preis glücklich"-Falle gefangen... Er muß seine Sehnsüchte den meinen opfern, weil doch das, was mich glücklich macht, ihn noch lange nicht glücklich macht. Und ist es wirklich Glück, wenn es von einem anderen Menschen abhängig ist? Im Gegenzug führt diese Glücks-Formulierung dazu, das wir Dinge tun, die uns eher unzufrieden machen, in der Erwartung, daß unser Gegenüber uns - als Belohnung - glücklich macht. Wir machen Diät, gucken uns Musicals an oder heucheln Interesse für die Formel 1, in der Hoffnung, daß wir dafür belohnt werden. Aber selbst wenn unser Gegenüber uns dafür mit Aufmerksamkeit und Zuneigung beschenkt, bleibt da oft eine Leere. Und schon geht der Teufelskreis wieder los. Und wenn immer öfter dieses "da muß doch noch was anderes sein" Gefühl auftaucht, machen wir uns auf die Suche nach einem neuen Partner, der unsere Erwartungen und Forderungen noch besser erfüllt. Wie schreiben neue Kontaktgesuche, in denen wir unsere Präferenzen noch deutlicher formulieren (max. Kleidergröße 38, blond, maso/devot, 24/7, drei-Loch-Dingens, usw.... *ironieoff*) und lassen den alten Partner hinter uns, der noch vor kurzem unser Glück war. Natürlich un-glücklich und damit gezwungen, ebenfalls einen neuen Erfüllungsgehilfen für seine Art von Glück zu finden. Und da liegt der Hund begraben! Der Volksmund hatte recht, daß jeder seines Glückes Schmied ist. Unser Glück ist in uns, unabhängig vom Gegenüber oder von materiellen Wohlstand. Wir müssen es nur finden. Dann sind wir nicht von anderen abhängig, von Konsum oder von Helfern jeglicher Couleur. Und wenn wir uns selber glücklich machen, dann können uns andere nicht un-glücklich machen und wir zwingen sie nicht dazu, ihre Persönlichkeit zu verändern, um uns zu gefallen. Stellt euch mal vor, wie herrlich es wäre, man selbst zu sein, durch und durch, und das Gegenüber mag uns als Individuum, und nicht als "sein persönliches Glück". Natürlich setzt das "eigene-Glück-schmieden" voraus, daß wir uns gegenüber gnadenlos ehrlich sind. Das ist hart, das ist viel Arbeit und sicher auch unheimlich oft unglaublich unangenehm... Aber mal ehrlich... wenn am Ende dieses Weges das persönliche, unabhängige Glück steht, wäre es nicht diese Ungemach wert? Natürlich ist es einfacher, in einer Kontaktanzeige bis aufs I-Tüpfelchen genau zu beschreiben was man sucht, aber die Gefahr ist doch, daß auch das nicht zum Glück führt. Und man bringt sich um die Chance, wirklich interessante Menschen kennen zu lernen, die uns vielleicht in unserem persönlichen Wohlbehagen unterstützen könnten, ohne ihre Eigenständigkeit aufzugeben und von uns zu Krücken degradiert zu werden. Es würde mich interessieren, wie Philemon und Baucis, das alte Ehepaar in der griechischen Sage, persönliches Glück definieren würden... Und ob Romeo und Julia- hätten sie nicht Selbstmord begangen- sich nicht nach einem Jahr getrennt hätten... Im Buddhismus heißt es, daß das Anerkennen des Leides der erste Schritt ist, das Leid zu beenden... Übersetzt auf die Partnersuche heißt das: Wir müssen das alte Muster, daß uns un-glücklich machte, erkennen und durchbrechen. Weg von dem, was uns vermeintlich glücklich machen würde, hin zu dem, was uns hilft, uns selber glücklich zu machen. Das heißt auch, daß wir es schaffen müssen, unser Gegenüber nicht zum Erfüllungsgehilfen zu degradieren, sondern als eigenständige Person mit eigenen Vorstellungen vom Glück zu akzeptieren und respektieren. Sich Frei-Machen von Erwartungshaltungen bedeutet, den Weg freizumachen für neue Erfahrungen... Ich für meinen Teil habe es schon geschafft, mein Glück nicht von Menschen abhängig zu machen. Jetzt muß ich es nur noch schaffen, mein Un-Glück nicht von Ihrem Verhalten abhängig zu machen... *stöhn* 



Kommentare:

texto.de hat gesagt…

Glück - Respekt

...

Dirk hat gesagt…

Einige der Gedanken die Du da formulierst finden bei mir viel Resonanz. Ich möchte den Gedanken des "persönlichen Glücks" aber einer gewissen Kritik unterziehen. Um das tun zu können, möchte ich die Aufmerksamkeit auf eine Eigenart des des Selbstes lenken: Es gibt kein unabhängiges Selbst und damit auch kein unabhängiges persönliches Glück. Dieses Glück bleibt ein unverwirklichtes Ideal, weil die Art, wie die Welt beschaffen ist, keine Grundlage dafür hat. Der Versuch der Verwirklichung des Gedankens kann sogar Unglück bedeuten.

Der eigentliche Grund für die Entwicklung des Ideals des unabhängigen eigenenen Glücks ist die Angst vor dem Loslassen. Alles was glücklich macht, muss irgendwann auch losgelassen werden, weil alles im Wandel ist. Auch das eigene konkrete Glück muss wegen des Wandels beim Tode losgelassen werden, .

Ich gehe mit Dem Ideal aber soweit mit, dass ich versuche auf folgende Weise das "Problem" zu leben: Ich versuche meine einzelnen Abhängigkeiten nicht überzustrapazieren. Vielfalt ist die Losung. Wenn etwas wegbricht, dann gibt es noch anderes. Die Wunde kann geschlossen werden durch eine neue Abhängikeit. Das Loslassen ist dann einfacher.

Es bleibt die Erkenntnis übrig, dass eine Fixierung auf einen Glücksbringer und sei es das unabhängige(?) persönliche Glücklichmachen, eine einseitige Abhängigkeit bedeutet. Was wenn einem die Fähigkeit mal abhanden kommt, weil man gar nicht gemerkt hat wie viel die Fähigkeit des Selbstbeglückens von unbewussten Abhängigkeiten genährt wurde.

Vielen Dank für Deine Gedanken. Es hat mich angeregt und ich hoffe Du verstehst meine Kritik als Denken im gemeinsamen Raum.

Dirk

Erik hat gesagt…

Glück ist - in sich gesehen - stets wie eine Fata Morgana. Oder wie eine seichte Brise an den ersten warmen Frühlingstagen, die leider viel zu schnell vorüberweht. Oder wie der Geruch eines Sommergewitters. Schön, aber leider nicht von Dauer. Wenn man nichts dafür tut.

Warum, das möchte ich gerne erklären. Der Mensch, so wissen wir, ist realtiv schnell anpassungsfähig. Egal, wie sich das Glück der derzeitigen Situation definieren mag - sobald man diesen Status für einige Zeit erreicht hat, "gewöhnt" man sich an die neue Situation und legt die Messlatte wieder höher. Einfachstes Beispiel: Geld. Macht sowieso nicht glücklich, aber es lässt eine ganze Menge Probleme verschwinden in diesem Land der gierigen Wolfsrudel. Sitze ich also daheim, hochverschuldet und kaum einen Krumen Brot im Bauch, so weiss ich genau: mit Geld wäre alles besser. Ich würde essen, was ich will, wohnen, wie ich will - und eine Kreuzfahrt in die Karibik machen. Geld macht vielleicht nicht glücklich, aber das, was ich mir davon kaufen kann. Mir gönnen kann. Wenn ich mich endlich entschädigen kann für diese Durststrecke. Und nun ist er also da, der Lottogewinn. Essen, Haus, Kreuzfahrt und preislich sowie moralisch günstige Frauen, die itzund auf der Türmatte stehen. Ein wahres Hochgefühl. Aber nur wenige Monate später schmeckt das Essen fad, das Haus fühlt sich irgendwie zu groß an oder ist einfach nur noch da, die des monetären Lockstoffes wegen balzenden Damen einfach nur langweilig und/oder anstrengend. Ungückseligkeit und Depression haben wieder die Oberhand. Die Messlatte des inneren Friedens und der Behaglichkeit hat sich wahlweise angehoben oder auf gänzlich andere Bedürfnisse verschoben.

Das Beispiel gilt natürlich nicht nur in Sachen Finanzstatus. Oftmals auch für ausgelutschte Beziehungskisten oder berufliche Aktivitäten. Manch einer ist sich sicher, das wahre Glück nur zu finden, so er denn den "inneren Frieden" mit sich selbst endlich schließen kann. Oder manch einer wäre schon glücklich, wenn er denn nur endlich wüßte, wer er überhaupt ist und welche Rolle man in dieser augenscheinlichen Farce namens Leben eigentlich spielt. Aber oftmals sind das alles nur vorgeschobene Gründe über die Unzufriedenheit an sich. Das Unvermächtnis, einfach mal loszulassen und zu genießen. Nicht "Carpe Diem" - oder wie in dunkleren Kreisen auch gern gesagt "Carpe Noctem", sondern schlicht und ergreifend "Carpe Vitam" ist die Devise. Denn Leben hat man - zumindest vorerst - nur eines. Glücklich kann nur der sein, der tut. Der macht. Der einfach etwas erlebt, im wahrsten Sinne des Wortes. Setze ich mir hier selbst zu viele Verbote auf, einfach aus dem Aspekt heraus, dass ich zu viel über Dinge nach- und mir so manches auch kaputtdenke, dann resultiert daraus hinterher zumeist ein Bereuen. Ungenutzte Möglichkeiten, ausgeschlagene Chancen, was auch immer. Aber Bereuen bedeutet wiederum auch immer Unzufriedenheit. Ein Teufelskreis, den man nicht einmal merkt, weil er sich einfach so in den Alltag hereinschleichen kann und sich womöglich noch die freundliche Maske des Gewissens aufsetzt.

Kurzum - und um nicht noch weiter abzuschweifen - Glück kann man durchaus lernen. Ein einfacher Spaziergang kann glücklich machen. Der Sonnenschein auf der Haut, ebenso wie die kühle, frische Nachtluft in den Lungen. Es kommt nur darauf an, etwas Abwechslung hineinzuzaubern. Andere Wege zu gehen, auch mal den Kopf in den Regen zu stecken und vielleicht hier und da wieder ein bisschen kindlicher zu werden und Dinge zu entdecken. Denn Abwechslung macht das Leben süß. Und Dinge entdecken sowie ausprobieren macht Spaß. Und wer Spaß hat, ist in diesem Moment glücklich. Nicht *seufz*-glücklich, aber immerhin *haha*-glücklich. Und - das behaupte ich einfach mal - nur, wer hin und wieder *haha*-glücklich ist, wird auch ein dauerhaftes *seufz*-Glück erleben.

Erik hat gesagt…

Es kommt natürlich alles auf die Sichtweise drauf an. In meinem Falle wäre es nicht unbedingt Barfuß im Park, aber dafür sehr gerne mit ein bis mehreren Büchern am Wasser sitzend, wenn die Sonne scheint. Das Plätschern der Wellen beruhigt, die Möwenkulisse wirkt wie Dauer-Urlaubs-Gefühl - aber die Bücher sind meist Arbeit und/oder Fortbildung. Trotzdem arrangiert man sich halt mit den Umständen und macht einfach das Beste draus. Denn dunkles Grübeln oder Sinnieren ist meistens werttechnisch auf einer Ebene mit Wutausbruch und "sich-vor-dem-Leben-verstecken": man kann damit Zeit verbringen, man kann damit VIEL Zeit verbringen - aber es bringt einen niemals wirklich vorwärts - so wie zum Beispiel "etwas dagegen tun". Oder besser noch "etwas dafür tun". Nämlich dafür, dass es eben anders wird.

Um nochmal kurz auf die Sichtweise der Dinge einzugehen: es muss - wie gesagt - nicht unbedingt der Spaziergang durch den Park im Sonnenschein sein. Nachtspaziergänge haben durchaus auch ihren Reiz. Alles ist ruhig. Die Welt scheint zu schlafen. Sternenhimmel. Mit ein bisschen Glück vielleicht sogar ein vereinzeltes Grillenzirpen hier und da. Und wenn man so einen Spaziergang zu zwein antritt, so lässt sich da auch eine ganze Menge mehr philosophieren und Gedanken austauschen, als würde man den Abend bzw. die Nacht einfach daheim verbringen und das tun, was man sowieso jeden Abend/Nacht daheim so tut.

Wie gesagt - einfach mal versuchen, aus der Rolle zu schlüpfen. Ein paar Kleinigkeiten ändern, andere ausprobieren. Einfach mal so. Nicht alles wird immer gut sein, einiges vielleicht sogar schlecht - aber nur an Erfahrungswerten kann der Mensch wachsen. Bewegung ist Leben(tm). ;-)

Und für meine Gedanken brauchst Du mir weiss Gott nicht zu danken. Eher im Gegenteil. Ich habe zu danken. Denn welchen Wert hätten sie, wenn ich sie an dieser und/oder anderer Stelle nicht mitteilen dürfte? Und umgekehrt proportional steigt der Wert direkt, wenn ich sogar darüber diskutieren darf. Also: ich habe zu danken.

Gast Besucher hat gesagt…

ich glaube kant hat einfach gemeint das wir uns nicht so wichtig nehmen sollen!
und so unrecht hat er nicht, wie ich finde!

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